Zeit zum Anfassen. Falsche Konzepte über die Zeit und ihre Folgen.

Zeit kann man eigentlich nicht „haben“, „sparen“, „gewinnen“ und so weiter. Zeit ist ja keine Sache, kein Ding, das man anfassen könnte. Trotzdem reden und denken wir immer wieder so, als ob das ginge. Damit denken wir auch an den tatsächlichen Zusammenhängen vorbei und lassen uns in die Irre führen beziehungsweise tun dies mit uns selber und mit anderen.
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Zeit zum Anfassen?

All die oben genannten Sprachmuster suggerieren, die Zeit wäre ein Ding, das man verlieren, finden, oder haben könne. Warum nicht gleich etwas zum Anfassen?

Indem die Zeit auf diesem Weg zu einer Sache, zu einem Objekt gemacht wird, öffnen sich Tür und Tor für so manch verwirrendes Denkmuster. Was soll es beispielsweise bedeuten, wenn jemand meint, die Zeit habe für diese oder jene Aufgabe nicht gereicht? Ist es wirklich sinnvoll, eine Aussage über die Zeit zu treffen? Die Zeit ist immer gleich viel da, sie vergeht immer gleich schnell, und sie kann eigentlich nicht mehr oder weniger vorhanden sein (zumindest wenn wir mal bei dem Zeitbegriff bleiben, den wir üblicherweise mit der Uhrzeit meinen). In Wirklichkeit sind mit dem obigen Statement unter Umständen ganz andere Aussagen gemeint. Zum Beispiel könnte es bedeuten

  • dass sich der Sprecher in der Vorausplanung vertan hat
  • dass unvorhergesehene zusätzliche Aufwände dazu gekommen sind
  • dass die Aufgabe so komplex ist, dass man sie gar nicht vernünftig planen kann beziehungsweise dass man viel mehr Pufferzeit einplanen müsse
  • dass der Sprecher die Aufgabe gar nicht wirklich erledigen kann, seine Fähigkeiten zum Beispiel dafür zu gering sind
  • dass der Sprecher verhindern will, dass ihm immer mehr Aufgaben drauf gepackt werden
  • dass dem Sprecher die darauf folgende Aufgabe (derentwegen er die andere nicht zu Ende gebracht hat) wichtiger erscheint
  • und so weiter…

Wir sehen schon, es sind alles eigentlich keine Aussagen über die Zeit, aber wir haben uns erstaunlicherweise damit arrangiert, dass wir in solchen Fällen der Zeit eine gewisse „Ursächlichkeit“ zuschreiben, als ob die Zeit was dafür könne.

Es ist eine sehr heilsame Übung, sich von der Aussage „keine Zeit“ mal zu verabschieden und wo immer das möglich ist, stattdessen zu sagen „…xy ist mir jetzt wichtiger…“. Heilsam für einen selber, aber auch interessant im Zusammenhang mit Kollegen, Kunden, Mitarbeitern, Vorgesetzten, etc. Natürlich muss man damit einigermaßen sensibel umgehen, wenn man nämlich ohne weitere Erläuterungen diesen „sozialen Weichspüler“ weg lässt beziehungsweise ersetzt, kann schon sein, dass das Gegenüber mal perplex ist. Ein „sozialer Weichspüler“ ist die Aussage „zu wenig Zeit“ deshalb, weil sie die Verantwortung etwas raus nimmt, weil sie die Prioritätenfrage verschleiert und auf diesem Weg dabei hilft, dem einen oder anderen Konflikt aus dem Weg zu gehen.

Optimal wäre ja, wenn wir im jeweiligen Fall selber ganz spielerisch entscheiden könnten, ob wir die Dinge beim Namen nennen oder ob wir wieder mal das Spielchen mit der Zeit mitspielen und die Zeitknappheit für alles mögliche instrumentalisieren…

1 Kommentar

  • Sehr schön geschrieben. Große Klasse. - 18. Juli 2011

    Lieber Herr Fürmetz,

    eine ähnliche Anhandlung über Zeit habe ich vor einigen Jahren auch mal geschrieben. Wenn ich die Datei noch finde schicke ich sie Ihnen mal… aber Ihr “Aufsatz” ist echt schön.

    Gruß
    Peter Hofmann

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